Predigt zu Apostelgeschichte 9, 1- 9/12.S.n.Tr./22.08.10/Erlöserkirche

Sonntag 22.08.2010

Kanzelgruß: Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt, Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde!

Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: „Sie haben sich gar nicht verändert“ „Oh!“ sagte Herr K. und erbleichte (nach Bertolt Brecht). – Stellen wir uns einmal vor, zu uns würde jemand sagen: „Du hast dich gar nicht verändert!“– Was wäre unsere erste Reaktion? Der eine empfindet diesen Satz als Kompliment. Der andere hingegen empfindet ihn als beißende Kritik, die ungefähr so lautet: „ In einer Zeit rasanten Wandels wirkst Du wie ein Fossil. Wie ein „Ewiggestriger“. Wie ein Dinosaurier. Die sind bekanntlich ausgestorben, gerade weil sie sich nicht verändert haben“.

Wie reagieren wir auf Veränderungen? Was hat Veränderung mit dem christlichen Glauben zu tun? Lassen Sie uns dazu auf den für den heutigen Sonntag vorgeschlagenen Predigttext hören. Er steht in der Apostelgeschichte im 9. Kapitel, in den Versen 1 bis 9. Da heißt es: 1 Saulus aber schnaubte noch mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn und ging zum Hohenpriester 2 und bat ihn um Briefe nach Damaskus an die Synagogen, damit er Anhänger des neuen Weges, Männer und Frauen, wenn er sie dort fände, gefesselt nach Jerusalem führe. 3 Als er aber auf dem Weg war und in die Nähe von Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel; 4 und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saul, Saul, was verfolgst du mich? 5 Er aber sprach: Herr, wer bist du? Der sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst. 6 Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst. 7 Die Männer aber, die seine Gefährten waren, standen sprachlos da; denn sie hörten zwar die Stimme, aber sahen niemanden. 8 Saulus aber richtete sich auf von der Erde; und als er seine Augen aufschlug, sah er nichts. Sie nahmen ihn aber bei der Hand und führten ihn nach Damaskus; 9 und er konnte drei Tage nicht sehen und aß und trank nicht“. Dein Wort bewegt des Herzens Grund. Dein Wort macht Leib und Seel gesund. Dein Wort ist’s, dass mein Herz erfreut. Dein Wort gibt Trost und Seligkeit. Amen.

Damaskus. Für den Pharisäer Saulus ein Schicksalsort. Das Damaskuserlebnis hat das Leben des Pharisäers Saulus völlig verändert. Aus Saulus wird Paulus. Aus dem Pharisäer wird ein Apostel. Aus dem Gesetzestreuen wird ein Prediger der freien Gnade Gottes. Schauen wir zunächst auf Saulus. Im Philipperbrief erfahren wir über ihn die wichtigsten Informationen. Saulus ist der Sohn jüdischer Eltern. Ein Hebräer von Hebräern. Dem Gesetz entsprechend wird er am 8. Lebenstag beschnitten. Die Beschneidung bedeutet: „Saulus, du bist ein Jude. Du gehörst zum auserwählten Volk und kommst aus dem Stamm Benjamin. Vom Gesetz her bist du ein Pharisäer. Als Phariäser wirst du großartiges leisten. Man wird dir ein erstklassiges Zeugnis ausgestellen. Eins plus. Mehr geht nicht. Die 613 Ge- und Verbote der Thora sind eine Leitlinie für dein Handeln. Wenn der Sabbat beginnt, zündest Du keine Kerze mehr an. Denn du weißt: Das darf ein Pharisäer nicht“. Das wäre nämlich Arbeit. Sabbat und Arbeit - das verträgt sich bekanntlich nicht. Wer am Sabbat arbeitet, ist ein Gesetzesbrecher. Genau wie dieser Jesus von Nazareth. Dieser Wanderprediger aus Galiläa. Der hat am Sabbat einen Kranken geheilt. Seine Anhänger haben am Sabbat Weizenähren ausgerissen. Und Jesus hatte tatenlos zugeschaut. Nicht nur das. Jesus hatte einen Satz gesagt, der Saulus zur Weißglut brachte: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen (vgl. Mark. 2, 27)“. Diesen Satz empfand Saulus als schallende Ohrfeige. Denn noch heute steht das Sabbatgebot bei orthodoxen Juden an oberster Stelle. Saulus empfand Jesus und seine Anhänger als Gefahr. Und er tat alles in seiner Macht Stehende, um diese Gefahr zu beseitigen. Notfalls mit Gewalt. – Erkennen wir, wie sehr Saulus im Dunkeln lebt? In der Gottesferne, ja in der Gottesfinsternis? Er will mit religiösen Leistungen vor Gott bestehen. Durch strikte Beachtung der zehn Gebote und allen Regeln, die man daraus ableitet. Dieses Regelwerk bestimmt das Leben eines frommen Juden bis heute. Aus großer Ehrfurcht vor der Thora. Aber gleichzeitig gepaart mit einem unglaublichen geistlichen Ehrgeiz, der mit Arroganz einhergeht. Das geht lange gut. Bis zu dem Tag, an dem aus Saulus ein Paulus wird. Der Tag, der für den Pharisäer Saulus alles auf den Kopf stellt. Der Tag, der sein Leben radikal verändert. Der Tag, an dem sein stolzes Ego zerbricht. Der ihm klar macht: „Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig“ (vgl. 2. Kor. 12, 9). Ich kann mir seine Gnade nicht verdienen. Sie wird mir geschenkt“. Wer sich diese Sicht der Dinge zu eigen macht, der erkennt: die Bergpredigt Jesu ist kein Fitnessprogramm für geistliche Streber. Die Bergpredigt ist vielmehr die Predigt, mit der Jesus uns zur Umkehr ruft. Zur Buße. Zur geistlichen Erneuerung. Raus aus der Dunkelheit des Gesetzes hinein ins helle Licht des Evangeliums. Hinein in die „Klarheit des HERRN“, die bereits den Hirten auf den Feldern von Bethlehem erschien.

Die „Klarheit des HERRN“ kann uns auch heute Morgen begegnen. Sie begegnet denen, die ausgepowert sind. Die sich müde und kaputt fühlen. Sie begegnet Menschen, deren Glaube durch einen Schicksalssschlag schwer erschüttert wurde. Sie begegnet denen, die an ihren eigenen Ansprüchen gescheitert sind. Das Licht von Damaskus wird mein Herz berühren, wenn ich erfahren darf: Gott liebt mich um meiner selbst willen. Er liebt mich sogar, wenn ich mich selbst nicht mehr ertragen kann. Wenn ich erschöpft bin, müde und ausgebrannt und meine hochgesteckten Zielen nicht erreiche.

Wer sich dieser göttlichen Liebe aussetzt, der wird im Innersten verwandelt. Der wird seine Hände wie leere Schalen Gott hinhalten. Und Gott wird seine leeren Hände füllen mit Kraft für den nächsten Schritt.

Das dürfen wir gleich im Abendmahl erfahren. Als Menschen, die Gott nichts zu bringen haben, reichen wir uns die Hände. Als Angefochtene lassen wir uns die Liebe Gottes auf der Zunge zergehen. Als Menschen, die sich von Gottes Liebe verändern lassen wollen. Als Menschen, die mit Herrn K. erbleichen, wenn man ihnen sagt: „Du hast dich gar nicht verändert“.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Lied nach der Predigt: Gott wohnt in einem Lichte….EG 379, 1+3-5

 

Pfarrer Holger Reinhardt

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