Predigt zur Begründung der neuen Ev. Versöhnungs-Kirchengemeinde Lüdenscheid

Liebe Gemeinde, 

so fängt Versöhnung an:  Menschen kommen zusammen, begegnen einander, entdecken einander - vielleicht sogar ganz neu. Sie schauen nicht nur auf Vergangenes, wehklagend darüber, wie schön doch früher einmal alles war, sie schauen nicht auf Unterschiede, auf die Andersartigkeit des anderen. Sie schauen nicht auf die Fehler und die Schuld anderer, nicht auf Trennendes, sondern blicken nach vorn, gehen weiter, versuchen der Zukunft ein Gesicht zu geben.

Wo Menschen einander begegnen ist ein neuer Anfang gemacht. Auch wenn es heute nur in dem Mikrokosmos unserer kleinen Süd-Lüdenscheider Welt beginnt. So geht es um mehr als Einsparungspotentiale und Strukturveränderungen. Wer den Neuanfang nicht als Chance für einen neuen Aufbruch begreift, der wird nicht verstehen, worum es geht. Der heutige Tag ist ein Zeichen für eine neue andere Sichtweise, die nach vorne schaut und Zukunft gestaltet. 

Wohl wissend, dass die Zukunft nicht das Land voller Milch und Honig sein wird, sondern dass es gilt, sie zu gestalten, in Offenheit und Toleranz, in gegenseitiger Wertschätzung und gegenseitiger Akzeptanz, auch mit Durststrecken und Konflikten, mit Ängsten und Spannungen, auch mit Schuld und Fehlern, die man einander antut, aber doch angetrieben von dem Glauben an den großen wunderbaren Gott, der uns nicht uns selbst überlässt, sondern mit seiner grenzenlosen Liebe und mit uns unser Leben und unsere Welt gestaltet.

Versöhnung ist nur Versöhnung, wenn sie gelebt wird und wenn sie Kreise zieht. Ein kleiner Stein, ins Wasser geworfen, zieht Kreise, zunächst einen kleinen, dann einen größeren und noch größere und  immer mehr und immer mehr und immer weiter zieht er seine Kreise. 

Wenn wir der Kirchengemeinde den Namen Versöhnungskirchengemeinde geben, dann ist das mehr als ein Name, dann ist das Programm für die Zukunft. 

Aber es geht um mehr als nur ein nettes mitmenschliches Beisammensein. Eine Gemeinde, die sich den Namen Versöhnungskirchengemeinde gibt, wird zugleich zu einem Zeichen für das Wort von der Versöhnung - für Gottes Versöhnung mit den Menschen - für das Elixier aus dem sie ihre Kraft zieht und das unser Leben gestaltet.

Gottes Wort von der Versöhnung ist für mich so etwas wie das Zentrum biblischer Verkündigung. ’Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So seid ihr nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns. So bitten wir: Lasst euch versöhnen mit Gott.’ (2. Korinther 5, 19+20)

Und wenn ich Altes und Neues Testament aufmerksam lese, dann zieht sich das wie ein großer Spannungsbogen durch die ganze biblische Botschaft. Immer wieder: Gott überlässt die Menschen nicht sich selbst. Gott weiß, dass wir verstrickt sind in unserem Menschsein, und immer wieder erzählt die Bibel von dem neuen Anfang Gottes mit den Menschen, von seiner Hinwendung, seiner Vergebung und davon, dass Menschen, die aus dieser Versöhnung leben, einen anderen Blick für das Leben bekommen, selbst bereit sind zum Neuanfang. 

Vielleicht haben sie einmal „Josef und seine Brüder“ gelesen, den Roman von Tomas Mann, der auf literarisch vorzügliche Weise aufleuchten lässt, worum es geht. Als am Ende die Brüder unwissentlich auf Josef stoßen - nach einer langen Geschichte von Schuld, Versagen, Machenschaften und Taktikerei sagt Josef, als er sich seinen Brüder zu erkennen gibt: ‚Stehe ich denn an Gottes statt? Ihr bedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.’

Josef sieht zwei Dinge: Dass Gottes Heilsplan, der ein großes Volk erhalten will, und das ganz persönliche zwischenmenschliche Versöhnungsgeschehen zusammen gehören. ‚Stehe ich denn an Gottes statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.’ Beides zusammen führt in die Freiheit der Gotteskindschaft, beides eröffnet Zukunft, lässt uns nach vorne blicken, lässt Vergangenes Vergangenheit sein. Es verharmlost die Schuld, die seine Brüder ihm angetan haben,  nicht - aber es lässt Versöhnung zu. ‚Fürchtet euch nicht, stehe ich denn an Gottes statt?’

Umso mehr leuchtet es auf in dem was in Christus geschieht. Fast so etwas wie ein revolutionärer Neuanfang in einer Gott vergessenden und - manchmal habe ich den Eindruck – auch Menschen vergessenden Welt. Das Kreuz Christi ist der Ort, an dem alles Trennende zwischen Gott und Mensch überwunden ist und an dem sich entscheidet, ob wir in der todverfallenen Welt immer so weiter machen wollen oder ob wir aus der Hoffnung leben, die weiterführt.

Gott versöhnte die Welt mit sich selbst.

Die Kaiserin Auguste Viktoria hat 1894 in die Altarbibel der neu gebauten Versöhnungskirche in Berlin geschrieben. Ich war kürzlich da. Ein - wenn auch steinernes - Zeichen für das Versöhnungshandeln Gottes, das dem Bombenhagel 1943 zum Opfer fiel und nach dem 13. August 1961 das Schicksal Deutschlands auf unvergessliche Weise widerspiegelt. Diese Kirche stand fast 30 Jahre mitten im Todesstreifen, war eingeschlossen von Stacheldraht und Zaun. Das Bernauer Gemeindezentrum 111 wurde die Antwort darauf, dass die Versöhnungskirche eingemauert war, Zeichen für die Unversöhnlichkeit, die Menschen anhaften kann und Ausdruck für Trennendes, das kaum überwindbar erscheint. Über Bitten und Verstehen hinaus  gewann das Versöhnungszeichen Gottes vor 15 Jahren wieder Verbindung zu dem, was  "Todesstreifen" geheißen hatte. Am 9.Nov 2000 wurde die Versöhunugskirche wieder eingeweiht. 

Versöhnung, gelebt aus der Kraft des Glaubens, aus der Kraft Gottes, ließ Mauern fallen - und Grenzen wurden überwunden. Mitten in der Zerstörung: Gottes Versöhnung bleibt! Mitten in der Katastrophe: Gottes Versöhnung gilt! Mitten im Untergang: Gottes Versöhnung ist die Chance für einen Neuanfang! Immer und zu jeder Zeit!

‚Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.’

Dieses Bekenntnis, liebe Gemeinde, bekräftigen wir mit der neuen Kirchengemeinde auf dem Weg in die neue Zukunft - und dieses Bekenntnis verbindet uns weit über die kleine Welt unserer Lüdenscheider Gemeinde hinweg mit der Christenheit weltweit, die in ihrem Wesen einsteht für den Gott, der Versöhnung groß schreibt und sich nicht begnügt mit der Welt, wie sie ist.

Deshalb sage ich danke allen, die sich mit aufgemacht haben auf den neuen Weg, auf dem es um mehr geht als um neue Strukturen, die vom Landeskirchenamt so gewollt und vom Superintendenten vertreten werden müssen. Auf diesem Weg geht es um die Rückbesinnung auf den Auftrag der Kirche und um ihr Wesen. Der neue Name ist Programm und mit diesem Programm wollen wir hinaus in die Welt. Nicht nur Kirche unter uns sein, nicht nur eine Feiertagsgemeinde, die sich selbst genüge ist, sondern eine von Gott erwählte Gemeinde, die sich dem Anspruch stellt, Botschafter an Christi statt zu sein, Botschafter der Versöhnung mit Gott.

Das klingt nach einem hohen Anspruch. Man könnte schier bange werden. Doch dies ist nicht die Zeit, ihm auszuweichen. In einer Zeit, in der die Gottvergessenheit sich um uns her immer tiefer festsetzt, dürfen wir den Menschen die Botschaft von Gottes Nähe nicht vorenthalten. In einer Zeit, in der ein verbreiteter Gewohnheitsatheismus bei  vielen in Gleichgültigkeit umschlägt, können wir das Wort von der Versöhnung nicht für uns behalten. In einer Zeit, in der Menschen sich nicht nur gegen die Versöhnung mit Gott sperren, sondern auch miteinander unversöhnlich umgehen, bekommt die Rolle als Botschafter an Christi statt klare Konturen.

In Wahrheit handelt es sich nicht um einen zusätzlichen Anspruch. Das Wort von der Versöhnung wartet einfach darauf, dass wir ihm mit unserem Leben entsprechen. Wo Licht ist, kann es nicht verborgen bleiben, wo Versöhnung ist, können wir sie nicht verstecken. Wo das Wort von der Versöhnung wirkt, gibt es nicht Menschen erster und zweiter Klasse. Wo wir an Christi Statt reden, also an der Stelle des Juden Jesus aus Nazareth, hat Antisemitismus keine Chance. Wo wir es mit dem Gott Jesu halten, der nicht nur ein Gott des eigenen Volkes, sondern auch ein Gott der Fremden ist, da sagen wir allen Formen von Fremdenfeindlichkeit ab. 

Das ist der Auftrag und das Ziel des Neuen, das vor uns liegt, dem wir uns mit allen Kräften zu stellen haben. Das muss uns bewegen!

Vielleicht ist es Zufall, aber es trifft sich gut, dass dieser Tag zwischen den zwei wesentlichen Ereignissen deutscher Geschichte liegt: dem 3. Oktober - also dem Tag von Einheit und Befreiung, und dem 9. November - also dem Tag der Öffnung der Mauer und der Überwindung von Grenzen, aber auch dem Tag der Schändung jüdischer Synagogen 1938 -  dem Ausruf der Republik 1919, aber auch dem Tag, an dem 1923 in München der völkische Ungeist des Hilterismus proklamiert wurde. Den Schicksalstagen einer Geschichte, in der der Ruf nach Versöhnung nicht laut genug seinen Ausdruck finden kann. Vielleicht gehe ich zu weit, wenn ich heute die Namensgebung unserer Gemeinde an so weit reichende Schicksalstage unserer Geschichte anbinde. Und doch geht es nicht daran vorbei, dass wir uns als Gemeinde Jesu deutlich hineingestellt sehen in diese Welt mit ihren dunkeln Seiten, mit ihrem grenzenlosen Streben nach Feindschaft und Krieg - vielleicht in anderen Formen als vor Jahrzehnten - und ihrer grenzenlosen Gier nach wirtschaftlichem Fortschritt und Wohlstand, in der das Menschsein meist Opfer und nicht Gewinner ist.

Hier fangen wir damit an - hier in unserer Versöhnungskirchengemeinde - ein deutliches und mutiges Zeichen zu setzen für das, wofür wir zu danken haben: das Geschenk der Versöhnung, das nicht nur in unseren Herzen, sondern auch in unserem politischen Verständnis Gestalt angenommen hat. 

Hier fangen wir an: Wo uns das Wort von der Versöhnung mit Gott erreicht. Machen wir uns auf, Botschafter dieser Versöhnung zu sein und für die Versöhnung unter den Menschen zu wirken. Gott gebe den Segen und Freude und Gelingen - am heutigen Tag und weit über diesen Tag hinaus.

Amen